Wenn das iPad den Besuch beim Arzt ersetzt
Der Computer misst den Blutdruck und überträgt die Daten
direkt an den Arzt – von Zuhause aus. Die Telemedizin könnte den
Patienten Wartezeit und den Krankenkassen Kosten ersparen. Von Stephan Maaß
Wenn für den schwer
herzkranken Robert Schneider aus dem Spreewald eine seiner
Routineuntersuchungen ansteht, dann klappt er ein Köfferchen auf,
entnimmt ein kleines EKG-Gerät, das kaum größer als ein Smartphone ist,
und einen Blutdruckmesser und nimmt nach der Anleitung auf einem
kleinen Tablet-PC die Messung vor. Der Computer fragt noch nach Gewicht
und Wohlbefinden und schickt Schneiders Daten dann zu seiner Klinik.
Schneiders dortiger Arzt ist so regelmäßig über das Befinden seines
Patienten informiert – und kann schnell reagieren, wenn die Werte
alarmierend sind.
Mit Hilfe der
Telemedizin kann Schneider zu Hause bleiben und sich darauf verlassen,
dass sein Arzt die Kontrolle behält. Telemedizin beinhaltet Behandlungen
und medizinische Überwachung von Patienten durch Ärzte per Internet
oder Telefon. Auch das Hinzuziehen eines Facharztes bei einer
Hausarzt-Behandlung oder Operation auf digitalem Weg zählt dazu.
Bundesweit gibt
es rund 400 Projekte, die sich mit Telemedizin beschäftigen. Das
Gesundheitswesen soll dadurch vor allem demografiefest gemacht werden
und helfen, Kosten zu sparen. Richtig groß werden die Einsparpotenziale,
wenn Telemedizin und digitalisierte Patientendaten kombiniert werden.
So hat die Firma
Getemed aus Teltow bei Potsdam ein Telemonitoring-System für Herzkranke
entwickelt, mit dem älteren Menschen ermöglicht wird, länger
selbstbestimmt zu Hause leben zu können. Die oft schwerkranken Patienten
erhalten von ihrer Klinik einen Koffer, der Messgeräte und einen
Tablett-PC als Eingabegerät mit einfachen Bediensymbolen enthält.
Durch
regelmäßige Aufzeichnung lebenswichtiger Vitaldaten wie Gewicht,
Blutdruck, EKG und Sauerstoffsättigung des Blutes sowie das aktuelle
Befinden, lernen die Patienten mit ihrer Krankheit umzugehen. "Das
schafft Selbstbewusstsein und durch die ständige Verbindung mit dem
betreuenden Arzt via Datenleitung auch die nötige Sicherheit", sagt
Robert Downes, Vorstand und Entwicklungschef bei Getemed.
Lebensqualität der Patienten wird verbessert
Das System ist
in zwei Kliniken in Cottbus und Brandenburg (Havel) im Einsatz. Und der
Start einer medizinischen Studie mit rund 700 Patienten in Kooperation
mit dem Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Berliner Charité
steht bevor.
Das
Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart hat in Zusammenarbeit mit der
Techniker Krankenkasse und Robert Bosch Healthcare das telemedizinische
Betreuungsprogramm "A.T.e.m." ("Alltag mit Telemedizin erfolgreich
meistern") gestartet, an dem bundesweit 300 Patienten mit
chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung (COPD) teilnehmen, deren
Risiko für eine Einweisung ins Krankenhaus besonders hoch ist.
Von zu Hause aus
übermitteln die Betroffenen täglich wichtige Informationen wie
Sauerstoffsättigung, Atemprobleme sowie Angaben zum allgemeinen Befinden
nach Stuttgart. "Das Ziel ist, frühzeitig auf gesundheitliche
Veränderungen reagieren zu können, Arztbesuche bedarfsgerechter
durchzuführen und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren", sagt Mark
Dominik Alscher, Chefarzt für Innere Medizin und ärztlicher Direktor des
Robert-Bosch-Krankenhauses. Damit könne die Lebensqualität der
Patienten deutlich verbessert werden.
Und die
Krankenkassen könnten Milliarden Euro einsparen. In der EU leiden etwa
zehn Millionen Menschen an Herzinsuffizienz, 20 Millionen an COPD und 60
Millionen an Diabetes. Laut Philips Home Health Care verursachten
allein diese drei Erkrankungen Kosten in Höhe von 125 Milliarden Euro
für die Gesundheitssysteme.
Mit
Tele-Managementsystemen und integrierten Versorgungsnetzwerken könnten
Menschen mit chronischen Erkrankungen auch zu Hause effektiv versorgt
werden. Mehrere klinische Studien hätten belegt, dass dadurch die Zahl
der Krankenhauseinweisungen und die Dauer der Krankenhausaufenthalte
verringert und die Sterblichkeitsrate gesenkt werden könne.
Telemedizin ist häufig noch Insellösung in Deutschland
Telemedizin und
digitalisierte Patientendaten rufen allerdings Datenschützer auf den
Plan. "Aber je weiter sie sich von den Städten entfernen und aufs Land
kommen, wo Telemedizin wirklich gebraucht wird, sinkt der Widerstand",
sagt Alscher. Dennoch ist die Fernmedizin noch immer nicht über die
Projektphase hinausgekommen. Ein Grund: Es gibt noch immer keinen
Gebührenschlüssel, mit dem telemedizinische Arztleistungen im
Gesundheitssystem abgerechnet werden können.
Die
Spitzenverbände von Krankenkassen und Kassenärzten haben eine
Rahmenvereinbarung zu dem Thema unterschrieben, die Einigung im Detail
steht noch aus. Kommt der Schlüssel, würde das der Telemedizin in
Deutschland einen großen Schub verpassen. Keinesfalls zu früh. "In den
USA und Großbritannien sind telemedizinische Lösungen sehr verbreitet.
In Deutschland steckt der Einsatz allerdings noch in den Anfängen",
heißt es bei Philips.
Welche
Potenziale in der Vernetzung stecken, schildert Alscher am Beispiel von
Röntgenbildern: "Alle Kliniken in Baden-Württemberg sind an ein
Teleradiologie-Netz angeschlossen. Röntgenbilder können überall online
eingesehen werden und müssen nicht mehr mit dem Taxi herbeigeschafft
oder gar erneut angefertigt werden."
Bundesweit gibt
es das noch nicht. Selbst innerhalb einer Klinik gibt es große
Einsparpotenziale, wenn alle Bereiche – von der Patientenannahme bis zum
OP – vernetzt wären. Das Berliner Unternehmen Mednovo stattet Kliniken
mit der entsprechenden Software aus. Weil alle Patientendaten an jedem
Arbeitsplatz im Krankenhaus zur Verfügung stehen, können
Bearbeitungszeit, Terminabstimmungen oder Behandlungsdauer deutlich
gesenkt werden, so die Firma.
Alscher ist
auch Vorstand des Instituts für digitale Medizin, einer Stiftung, die
sich der Verbesserung der medizinischen Versorgung mittels
digitalisierter Patientendaten widmet. "85 Prozent der Diagnosen werden
anhand der Anamnese gestellt", sagt der Mediziner. Wenn also wichtige
Patientendaten auf Knopfdruck vorlägen, spare das für den behandelnden
Arzt Zeit, für den Patienten womöglich viele unnötige Untersuchungen und
für das Gesundheitswesen Kosten. Eine genaue Summe sei laut Alscher
aber schwer zu beziffern.
Die Briten gehen schon in die Onlinepraxis
Ob bessere und
schnellere Versorgung, höhere Qualität der Medizin oder geringere
Kosten: "Das Potenzial wird in Deutschland noch lange nicht
ausgeschöpft", bestätigt Sebastian Winckler, ärztlicher Direktor der britischen Onlinepraxis DrEd – einem Geschäftsmodell, das erst mit dem Internet möglich geworden ist.
Statt sich ins
Wartezimmer zu setzen, gehen die Patienten von DrEd online und
konsultieren per Internet einen Mediziner. "Oft geht es da um Themen,
die man vielleicht nicht so gern mit seinem Hausarzt bespricht, wie etwa
Frauen- oder Männergesundheit und sexuelle Themen", sagt Winckler.
Auch in
Deutschland sind die Briten aktiv – obwohl die Behandlung per Internet
laut ärztlicher Berufsordnung nicht gestattet ist. DrEd beruft sich
deshalb auf die EU-Richtlinie "Patientenrechte in der
grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung", wonach Anbieter von
Gesundheitsleistungen den Regularien des Landes, in dem sie ihre
Zulassung haben, unterworfen sind. Winckler: "Innerhalb der EU ist es
Telemedizinern wie allen Ärzten gestattet, ihre Dienstleistung
anzubieten."
Am englischen
Gesundheitswesen könne sich Deutschland in dieser Beziehung ein Beispiel
nehmen. Der staatliche National Health Service, der rund 90 Prozent des
gesamten Gesundheitsmarktes abdecke, sei komplett vernetzt. Ärzte,
Kliniken, Therapiezentren oder Apotheken hätten Zugriff auf die
Patientendaten.
"Aber in
Deutschland gibt es nur Insellösungen", sagt Winckler. Chefarzt Alscher
kennt noch einen anderen Grund, warum es in Deutschland etwas länger
dauert. "Die Medizin ist eine extrem konservative Wissenschaft, in der
das Sicherheitsbedürfnis sehr hoch ist." Das sei innovationsfeindlich.
Medizin sei aber auch zu einem großen Teil Wissensmanagement. Der Ruf nach Digitalisierung der Daten sei daher groß. "Wir sind verloren, wenn wir das Wissensmanagement nicht verbessern."
πηγή από welt.de

