Tägliche Arztvisite aus der Ferne
Telemedizin erspart vor allem chronisch Kranken viele
Arztbesuche. Die Betroffenen werden zu Hause betreut und bekommen im
Notfall Hilfe. Trotzdem steht der Einsatz in Deutschland erst am Anfang.
Wenn sich Dieter
Löscher auf den Weg zu seinem Arzt macht, geht er ins Wohnzimmer und
schaltet den Fernseher ein. Mit der Fernbedienung aktiviert er die
Telemedizin-Anwendung Motiva auf seinem Fernseher, um Schulungsinhalte
und seine aktuellen Puls- und Blutdruckwerte sowie das Gewicht
anzusehen. Seit ihm bei einer Operation vor fünf Jahren ein
Herzschrittmacher eingesetzt wurde, ist das für den 77-Jährigen tägliche
Routine.
Möglichst immer
zur gleichen Zeit stellt er sich daheim auf die Waage und nimmt am Puls-
und Blutdruckmesser seine Werte. Die Geräte übertragen sie automatisch
über Bluetooth und das Internet an das Klinikum Friedrichshafen am
Bodensee. "Wenn etwas nicht stimmt, meldet sich sofort eine meiner
Betreuerinnen aus der kardiologischen Abteilung per Telefon", sagt
Löscher.
Die fragt nach,
ob es ein Problem gibt, warum beispielsweise der Blutdruck derart
niedrig oder wieso der Puls so unregelmäßig ist – und falls nötig
stimmen beide gemeinsam die nächsten Maßnahmen ab. Genau diese Betreuung
weiß Löscher zu schätzen. Sie ist der wichtigste Grund, warum er gleich
nach der Operation zugesagt hat, die Möglichkeiten der Telemedizin zu
nutzen.
"Für mich ist
das eine große Beruhigung. Ich weiß, dass ich umsorgt werde und jemand
auf mich achtet", sagt er. Die Bedienung der Geräte hat ihm eine
Schwester im Klinikum erklärt – und Löscher hat das System "sehr rasch
begriffen", betont er: "Es gibt mir Sicherheit für mein Leben zu Hause.
Und ich habe auf jeden Fall viel mehr Lebensqualität."
Zahl der Klinikaufenthalte sinkt
Vor allem
chronisch kranke Patienten wie der Friedrichshafener, aber auch Bewohner
ländlicher Regionen mit wenigen Ärzten profitieren von derartigen
Smart-Health-Lösungen, die sie von ihrem vernetzten Zuhause aus nutzen.
Löscher ersparen sie unter anderem zahlreiche Arztbesuche und
Kontrolluntersuchungen, die ohne Telemedizin nötig wären.
"Allein von chronischer Herzinsuffizienz sind in Deutschland ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen. Hinzu kommen Patienten mit Diabetes
und chronischen Lungenleiden", sagt Christoph Westerteicher, der bei
Philips den Bereich Telemedizin Europa leitet und unter anderem für die
Motiva-Plattform verantwortlich ist. "Studien zeigen, dass ihre
Betreuung durch Telemedizin neben deutlicher Zeitersparnis auch dazu
beiträgt, dass kritische Situationen früher erkannt und Notfälle
vermieden werden. Denn es wird sofort bemerkt, wenn sich der
Gesundheitszustand verschlechtert." Zudem sinke die Zahl der
Krankenhausaufenthalte, und es gebe weniger Sterbefälle.
Weltweit zählt
Philips mittlerweile mehr als zehntausend Telemedizin-Patienten. Vor
allem in den USA, Israel und Großbritannien seien telemedizinische
Lösungen bereits sehr verbreitet, sagt Westerteicher. In Deutschland
dagegen stecke ihr Einsatz noch sehr in den Anfängen. Dafür laufen zahlreiche Pilotprojekte.
Der Geschäftsbereich wächst
Motiva
beispielsweise wird in der Studie "CardioBBEAT" an bundesweit elf
Krankenhäusern sowie einer Reha-Einrichtung eingesetzt und soll bis zu
1000 Patienten einschließen. Robert Bosch Healthcare hat in sein
telemedizinisches Betreuungsprogramm "A.T.e.m." zunächst 300
schwerkranke Patienten aufgenommen, die an chronisch-obstruktiver
Atemwegserkrankung (COPD) leiden. Auch hier ist das Ziel, frühzeitig auf
gesundheitliche Veränderungen reagieren zu können, Arztbesuche
bedarfsgerechter durchzuführen und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren –
und letztlich zur Entlastung des Gesundheitssystems beizutragen.
Was den breiten
und dauerhaften Einsatz der Systeme in Deutschland bislang bremst, sind
unter anderem offene Fragen zur Vergütung und zur Einbindung der
Telemedizin in das System aus Hausärzten, Fachärzten und Krankenhäusern.
Trotzdem sind die "Home Healthcare Solutions", zu denen auch die
Telemedizin gehört, nicht nur für Philips ein wachsender
Geschäftsbereich.
Schon jetzt
sorgen Lösungen für daheim bei dem Konzern für 15 Prozent des weltweiten
Umsatzes im Bereich Healthcare, der im vergangenen Jahr rund zehn
Milliarden Euro erreicht hat. "In Europa liegen unsere Schwerpunkte auf
Ländern, die den Einsatz der Telemedizin untersuchen, beispielsweise
England und Deutschland", betont Westerteicher.
Gerätehersteller liefern Komplettlösungen
Die neue Art,
an die medizinische Betreuung heranzugehen, fasziniert die gesamte
Branche und sorgt dafür, dass sich reine Gerätehersteller zu Anbietern
von Komplettlösungen wandeln. "Derartige Angebote umfassen neben der
Technik auch IT, Projektentwicklung und zusätzliche Dienstleistungen",
sagt Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des Fachverbandes
Elektromedizinische Technik. Die Unternehmen stellen nicht nur die
Geräte und sorgen mit entsprechender IT für die Übertragung der Daten.
Mit regionalen Partnern bauen sie auch telemedizinische Zentren auf und
übernehmen Betreuung und Therapie der Patienten.
Allein der
Markt für technische Unterstützungssysteme für Zuhause, zu denen auch
die Telemedizin gehört, werde in Deutschland in den nächsten Jahren auf
15 Milliarden Euro anwachsen, schätzt der Zentralverband Elektrotechnik-
und Elektronikindustrie. Dafür sorge nicht zuletzt die demografische
Entwicklung, die international immer mehr chronisch Kranke zur Folge
habe.
Dabei sei die
Telemedizin nur "die Spitze des Eisbergs", sagt Bursig: "Sie ist
einsetzbar, sie funktioniert und ist verständlich." Der große Trend aber
sei eine noch stärkere Vernetzung von Ärzten, Kliniken und
telemedizinischen Zentren – für immer genauere und schnellere Diagnosen.
"Das Ziel ist ein langfristiges Gesundheitsmanagement, bei dem alle
Infos für eine optimale Betreuung verknüpft werden."
Exportquote erreicht fast 70 Prozent
Im Bereich der
elektromedizinischen Technik sind in Deutschland gut 80 Unternehmen mit
rund 25.000 Beschäftigten tätig. Der nationale Umsatz betrug zuletzt
rund 1,1 Milliarden Euro, inklusive Export waren es rund drei Milliarden
Euro. "Pro Jahr rechnen wir bei der Medizintechnik mit einem weltweiten
Wachstum von etwa fünf Prozent", sagt Bursig, "vor allem in Brasilien,
China und Südostasien." Zudem entwickelten sich die afrikanischen Länder
zu interessanten Märkten für hiesige Produkte.
Mittlerweile
nähere sich die Exportquote der 70-Prozent-Marke, betont Bursig.
Besonders gefragt seien beispielsweise Ultraschall- und EKG-Geräte,
Computertomografen, Geräte für die Intensivmedizin, zur Beatmung oder
für die Versorgung von Frühgeborenen sowie Hörgeräte. "Und obwohl der
Markt sehr umkämpft ist, mischt international in jedem Bereich
mindestens ein deutsches Unternehmen vorne mit." Wegen des Potenzials
lohnten sich auch hohe Kosten für neue Entwicklungen.
Die werden sich
auch in der Telemedizin ergeben – wenn Mediziner an weit entfernten
Orten gleichzeitig Patientendaten begutachten, um gemeinsam Befunde zu
erstellen. Oder wenn in rund um die Uhr besetzten
Schlaganfall-Netzwerken Neurologen schnell entscheiden und Maßnahmen
einleiten können, ohne den Patienten persönlich treffen zu müssen.
Dieter Löscher
in Friedrichshafen jedenfalls will das nicht mehr missen. In der
Startphase seiner Telemedizin-Erfahrung hat er auch die Zusatzangebote
von Motiva gerne genutzt: Neben der Überwachung sollen sich die
Patienten regelmäßig mit ihren medizinischen Betreuern austauschen.
Deshalb gehören auch Videofilme, etwa über gesunde Ernährung, sowie
Info-Material über die Krankheit zum Programm.
"Es geht um den
verantwortungsvollen Umgang mit der Erkrankung und um Hilfe für einen
gesunden Lebenswandel", erklärt Christoph Westerteicher von Philips.
Deshalb stellen die Betreuer immer wieder Fragen zur Lebensqualität und
zum Krankheitsbild sowie zu den Videos. "Da werden Menschen im gleichen
Alter und in ähnlichen Situationen gezeigt", sagt Dieter Löscher, "deren
Tipps akzeptiert man und verhält sich auch danach."
Von Jens Kohrs
πηγή απο welt.de
















